Kurzer Einblick zur Geschichte der IWW

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Entstehung

Die Industrial Workers of the World (IWW) entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts (1905) in den USA aus den Kampferfahrungen eingewanderter Arbeiter*innen bei ihren Streiks. Sozialkonflikte in den USA waren seit jeher und so auch im 19. Jahrhundert eine Dauerserie gewalttätiger Zusammenstöße gewesen, egal, ob es um die schwarze Sklavenbevölkerung, Vertreibungen der ansässigen Indianerbevölkerung, die Einverleibung der Flächen der Kleinbauern durch Großgrundbesitzer oder nun verstärkt um Auseinandersetzungen mit der seit 1880 stark anwachsenden Arbeiterklasse ging. Die Kapitalisten heuerten Privatarmeen an und brachten die regionalen Staatsapparate bei Arbeitskonflikten auf ihre Seite, um bei größeren Streiks mit Gewalt Streikbrecher in die Betriebe zu bringen.

In der Zeit zwischen 1880 und 1920 strömten über 20 Millionen Menschen aus Europa in die USA, eine ungeheure Menge von Bauernfamlien aus Osteuropa, Italien und Deutschland, die versuchte, ein besseres Schicksal zu finden. Was sie erwartete war ein häufig blutiger Krieg mit der herrschenden Macht. Kein Idyll, sondern die Frage der Selbstbewaffnung und vor allem einer übergreifenden Solidarität.

Es war die Zeit der um sich greifenden großindustriellen Verflechtungen, der entstehenden Rockfeller, Morgan, Carnegie und anderer Unternehmerdynastien, die die wachsenden Industriekonglomerate unter ihre Kontrolle brachten. Mit dem Eisenbahnbau waren neue Erschließungen möglich geworden, wie zum Beispiel landwirtschaftliche Produkte aus dem Süden und dem Westen der „Staaten“ in den Norden nach Chicago zu transportieren. Andererseits migrierten nun Menschen auf der Suche nach einem eigenen Stückchen Land, nach einer Kleinhandelsexistenz oder nach einem einigermaßen bezahlten Arbeitsplatz quer durchs Land.

Zur Gründung der IWW im Jahre 1905 führten vor allem brutal abgelaufenen „Kriege“ wie die zwischen streikenden Bergarbeitern und diversen Polizei- und Militärformationen der Unternehmer. Von den Minenarbeitern kam der wichtigste Anstoß für einen neuen Schritt zur Vereinigung aller kämpfenden Arbeiter*innen. 1903 hatte eine Welle von Streiks stattgefunden, die sich um die Einführung des 8-Stunden-Tags bei vollem Lohnausgleich drehten. Die Unternehmer lehnten ab und mobilisierten zu dem, was als „Arbeitskrieg in Colorado“ in die Geschichte einging. Dort war die Western Federation of Miners, abgekürzt WFM, an vorderster Front, bei der einer der späteren IWW- Hauptaktivisten Bill Haywood sich führend beteiligte. Die Streikenden sammelten Erfahrungen, wie die vielfältige Zersplitterung durch zahlreiche Sprachen und Kulturen überwunden werden konnte. Solch sprachliche Zersplitterung wegen der unterschiedlichen Herkunftsländer spielte eine große Rolle ebenso wie Ausschlüsse wegen Hautfarbe oder Geschlecht. Schwarze und Frauen hatten in den herkömmlichen Berufsgewerkschaften keinen Platz. Aber die erbärmlichen Löhne und unmenschlichen Arbeitsbedingungen, unerträglich lange Arbeitszeiten, sowie Gewalterfahrungen aller Art brachten Menschen zusammen, die sich einig wurden, dass sie neue Formen von Organisation und Kampf brauchten.

Im Unterschied zu den berufsständischen und zunächst schwer ersetzbaren „Gelernten“, den Facharbeitern und Facharbeiterinnen, kamen die IWW aus den ausgegrenzten Schichten mobiler Wanderarbeiter und ihrer Familien. Sie arbeiteten in Erzminen des „Wilden Westens“, den Häfen, den großen Textilfabriken, in den Wäldern als Holzfäller und an vielen Stellen in ganz USA verteilt. Später waren sie erfolgreich dabei, ein weltweites Netz kampfentschlossener Arbeiter*innen zu organisieren. Die hochqualifizierten Eisenbahner und Metallfacharbeiter waren dagegen in den AFL-Gewerkschaften organisiert.

Nach den Erfahrungen mit dem äußerst gewalttätigen Vorgehen der Unternehmer, die sich paramilitärischer Truppen wie den berüchtigten Pinkertons oder regulärer Staatseinheiten bedienten, war klar, dass nur eine betriebsübergreifende Organisierung an den himmelschreienden Bedingungen etwas ändern würde. Hinzu kamen der sozialistische Grundgedanke, die gesamte Kapitalistenklasse für überflüssig zu erklären und sie auf der Basis der branchenmäßigen Zusammenschlüsse der Arbeiter zu entmachten. Schon bei den Minenarbeitern stand die „komplette Revolution aller sozialen und ökonomischen Bedingungen“ programmatisch auf der Tagesordnung. Das Konzept, genannt „Industrie-Unionismus“, unterschied sich vom Konzept einer politischen Machtübernahme durch Parteien wie auch von einem „Räte“-Ansatz (Syndikalismus) mit oder ohne Zusammenarbeit mit einer politischen Partei. Stattdessen stellten sich die Wobblies eine Welle von Generalstreiks als Machtinstrument der multinationalen Klasse vor, die alle Produzenten*innen von unten her umfassen sollten. Die Radikalität im Kampf würde nicht von den höheren Arbeiterschichten vorangetrieben werden, schon gar nicht von einer intellektuellen Parteiavantgarde her, sondern aus der unmittelbaren Erfahrung und den Umständen des gemeinsam erlebten Alltags. Das bedeutete radikaler selbstorganisierter („basisdemokratischer“) Lohnkampf für ein erträgliches Leben und die Minimierung der Arbeitszeit, aber auch entschiedener Widerstand gegen den technologischen Angriff des Taylorismus. Der Taylorismus war damals das, was die Digitalisierung heute ist. Er wurde von den Unternehmern bewusst vorangetrieben, um die Machtpositionen der Facharbeiter*innen aufzulösen und zu zerstückeln, aber vor allem auch, um eine feinporige Disziplinierung durch genau berechnete Arbeitsschritte bei den Ungelernten zu erreichen.

Auf dem Gründungskongress am 27. Juni 1905 in Chicago wurde diese programmatische Präambel beschlossen:

„Die arbeitende Klasse und die ausbeutende Klasse haben keine gemeinsamen Interessen. Es kann keinen Frieden geben, solange Hunger und Not unter Millionen von Arbeitenden zu finden sind und die wenigen, aus denen die ausbeutende Klasse besteht, alle guten Dinge des Lebens besitzen. Zwischen diesen Klassen muß der Kampf weitergehen, bis die Arbeiter der Welt sich als eine Klasse organisieren, die Produktionsmittel in Besitz nehmen, das Lohnsystem abschaffen und in Einklang mit der Erde leben.
Wenn wir uns als Gewerkschaft bezeichnen, dann meinen wir etwas fundamental anderes als jene staatstragenden Gebilde, die aus der Gewerkschaftsbewegung eine öde Veranstaltung gemacht haben, deren eigentliche Funktion – neben der Versorgung eines satten Funktionsärsapparats – die reibungslose Integration der ArbeiterInnen in die Produktion ist. Was wir im Gegensatz dazu aufbauen wollen, ist der selbstorganisierte und kreative Zusammenschluss der ArbeiterInnen eines Betriebs und einer Branche. Das wird nicht von heute auf morgen geschehen, sondern nur durch gewissenhafte und beharrliche Organisierung an der Basis.
Die Interessen der arbeitenden Klasse können nur verteidigt werden, wenn alle Beschäftigten einer Branche, oder – wenn nötig – aller Branchen, aufhören zu arbeiten, wann immer irgendwo ein Streik oder eine Aussperrung stattfindet. Ein Unrecht an einem (und einer) ist ein Unrecht an allen.“

Streik für “Brot und Rosen” in Lawrence 1912

Als Beispiel für die Aktionen der IWW sei der wohl bekannteste Streik dargestellt, der als „Brot und Rosen“-Streik auch im Rahmen der sozialrevolutionären Frauenbewegung bekannt wurde. „ Es war im Januar, mitten im Winter als die Lohntüten, die den polnischen Weberinnnen in einer der Textilfabriken ausgehändigt wurden, zeigten, dass ihre Gehälter, die ohnehin schon nicht ausreichten, um ihre Familien zu ernährend, reduziert worden waren. Die Frauen hielten ihre Webstühle an und verließen die Fabrik. Am nächsten Tag hörten fünftausend Angestellte in einer anderen Fabrik auf zu arbeite, marschierten zu einem dritten Betrieb, stürmten die Tore, stellen den Webstühlen den Strom ab und riefen die anderen Mitarbeiter auf zu gehen. Bald schon streikten zehntausend Angestellte.“ (Zinn, 326)

Das Unternehmen American Woolen Company und andere Textilfirmen beschäftigten in Lawrence (in dem Staat Massachusetts) 35.000 Menschen von den ca. 86.000 Einwohnerinnen. 60.000 waren in der Stadt von den Textilunternehmen abhängig. Die Löhne waren extrem niedrig. Kinderarbeit war die Regel, z. T waren sie mit gefälschtem Alter in die Fabriken geschickt worden. Frauen machten die Hälfte der ArbeiterInnen aus, Schwangere arbeiteten teilweise bis zur letzten Stunde vor der Entbindung in den Fabriken. Oftmals wurden die Kinder in den Fabrikhallen geboren. Die Sterblichkeit war bei Säuglingen sehr hoch, und die Lebenserwartung lag hier eher bei 40 als bei 60 wie anderswo. Krankheiten wir Tuberkulose und Lungenentzündungen und andere Erkrankungen grassierten.

Die IWW (Local 20) organisierte seit 1911 eine breite Front verschiedener Gruppen im Betrieb, die radikal gegen das Lohnsystem eingestellt waren und sich auf der Basis der IWW Prinzipien zu einem Bündnis formierten. 1911 gab es eine intensive Organizing-Kampagne in verschiedenen Sprachen, dennoch waren die IWW nicht zahlreich im Verhältnis zur Belegschaft und den konservativen Gewerkschaften, sie hatten nur 300 zahlende Mitglieder unter der 30 bis 35 Tausend Beschäftigten. Die konservativen Gewerkschaften hatten ca. 2500 Mitglieder. Niedrige Löhne, durchschnittlich 12-15 Cent die Stunde, zwangen die ArbeiterInnen 56 Stunden in der Woche zu arbeiten. Das Elend spitzte sich mit einer neuen Gesetzgebung zu, als zum ersten Januar 1912 die Wochenarbeitszeit auf 54 Stunden begrenzt wurde, allerdings ohne Lohnausgleich. Da das Gesetz keinen Lohnausgleich vorschrieb, konnten die Fabrikbesitzer die Löhne entsprechend senken – eine Lohnkürzung, die für viele Arbeiterfamilien sofortige Obdachlosigkeit bedeutet hätte. Das war das Signal für die Frauen, sofort die Arbeit niederzulegen. Es folgte ein mehrwöchiger Totalstreik, der von den IWW zusammengehalten und organisiert wurde.

„Der 9 wöchige Streik konnte nur so lange dauern, weil sich die Streikenden selbst organisierten, für Solidarität in ihrem Städtchen und national kämpften und diesen schließlich auch erhielten. Die IWW besaß keine Streikkasse und sammelte dafür über 74.000 $. Sie schickten ihre Mitglieder überall durchs Land, um über den Streik zu berichten und eine breitere Öffentlichkeit zu informieren.“ ( http://www.rosareloaded.de/streik-fuer-brot-und-rosen/ )
Das was als Spontaneität bei Streikbeginn erscheint, war unmittelbare und spontane Reaktion, konnte sich aber nur auf dem Hintergrund des laufenden Organizing in den Fabriken entfalten, der radikalen Propaganda für antikapitalistische Solidarität und vor allem durch den Zusammenhalt ganz unterschiedlicher eingewanderter Menschen, die sich als kämpfende Klasse von unten konstituierte.

„Im Februar starteten die Streikenden Massendemonstrationen. Sieben- bis zehntausend Demonstranten marschierten in einer endlosen Abfolge durch die Fabrik-Umgebung. Sie trugen weiße Armbinden. ‚Sei kein Streikbrecher.‘ Doch ihnen ging das Essen aus und die Kinder waren hungrig. Die New Yorker Call, eine sozialistische Zeitung schlug vor, die Kinder von Streikenden zu sympathisierenden Familein in anderen Städten zu schicken, die sie versorgen sollten, so lange der Streik andauerte. …Die IWW und die sozialistische Partei begannen den Exodus der Kinder zu organisieren. Sie nahmen Bewerbungen von Familien entgegen, die Kinder aufnehmen wollten, und arrangierten Gesundheitsuntersuchungen für die Kleinen.“ (Zinn, 327) Der Streik ging weiter, die Verschickung der Kinder sollte unterbunden werden und es kam zu gewalttätigen Polizeieinsätzen gegen Mütter und Kinder auf einem Bahnhof. (Zinn,328) Es gelang der Unternehmer- und Staatsfront nicht, diesen Streik zu brechen. Anfang März machten sie Lohnzugeständnisse und der Streik wurde zunächst beendet. Danach starteten die Unternehmer eine große Repressionswelle mit 2000 Entlassungen, Verhaftungen und Anklage gegen zwei führende IWW-Aktivisten Ettor und Giovanetti. Die IWW drohten, den Streik wieder aufzunehmen: Das war die Solidarität, die ein Signal war. Alle Repressalien wurden eingestellt und die Militanten freigesprochen. 10.000 feierten den Sieg.

Bei den Wobblies kam es auf das gesprochene Wort der Redner*innen und Organisatoren*innen an. Sie sprachen und argumentierten in der Art, wie die Leute unter sich redeten, einfach, aber inhaltlichen Klartext. Das Recht auf Redefreiheit das „free speech movement“, war von besonderer Bedeutung, wenn die Militanten sich auf eine Seifenkiste hinstellten, und ihre Ansprachen unter freiem Himmel hielten. Das wurde oft verboten und war dann wieder Ausgangspunkt für neue Konflikte. Die besten Redner*innen und Redner wurden überregional angefragt und herbeigeholt. In Lawrence war Joseph Ettor zunächst der wichtigste Redner von auswärts, der sich bei vergangenen Besuchen und Reden schon einen guten Ruf erworben hatte. Später kamen die bekannten Wobblies Bill Haywood und „Rebel Girl“ Elizabeth Gurley Flynn (sie war 21 Jahre alt) als Rednerinnen und Mitorganisatorinnen des Streiks hinzu. Und natürlich landesweit viele Aktivisten*innen, die überall Solidarität und Spendensammlungen organisierten.

Die Forderungen waren klar: höhere Löhne, völlige Rücknahme der Lohnsenkungen, bessere Arbeitsbedingungen, bessere Unterkünfte. Zentraler Punkt für die sich entwickelnde konfrontative Bewegung von Streiks und Selbstorganisation war, dass die Wobblies im Verlauf der Mobilisierung und des sich entwickelnden Kampfes ständig gegen die Spaltungen anging, vielsprachig agitierte und damit Solidarität und gemeinsamen spirit (Kampfgeist) schuf. Damit entwickelte sich die Organisation wie eine Bewegung gegen das Kapital, nämlich mobil, ständig fluktuierend, zwar mit einem größer werdenden offiziellen Mitgiederstamm, der aber dauernd nach Lage der Kämpfe mal abnahm und dann vor Ort im Kampf wieder zunahm. So hatten die IWW in dieser Phase 1909 bis 1917 durchaus den Charakter einer revolutionären Bewegung, in der die IWW die organisierten Kerne bildeten, die aber die Grenzen zwischen Organisation und sozialer Bewegung teilweise aufhoben bzw. immer wieder je nach Kampflage neu bestimmten, also revolutionäre Arbeiter*innenbewegung pur war. So nahmen sie jedenfalls die Herrschenden wahr, nämlich als gesellschaftliches Schreckgespenst, das ihre Ordnung von Grund auf bedrohte.

Drumherum gab es vor allem die Spaltung in Gelernte und Ungelernte, zementiert durch die führende Rolle der bestehenden Berufsgewerkschaft, die oft aktiv versuchte, Streiks zu verhindern oder einzudämmen wie es auch beim Lawrence-Streik war.
Das kann hier nur in Kürze wiedergegeben werden, exemplarisch für einen der bekanntesten IWW-Streiks, bei dem auch die Solidarität gegen die Repressionsmaßnahmen des Staats und der Unternehmer zu organisieren war.

Was bei Lawrence auffällt ist die Ähnlichkeit mit der Februarrevolution in Russland ein paar Jahre später, als ebenfalls als spontaner Streik von Frauen begann, die den Männern zuvorkamen, als gerade ein geplanter Streik in vorbereitet wurde. Genau wie in Petrograd und in Petersburg und in anderen Ländern, wurden die Kämpfe der überausgebeuteten neuen Schichten als Bedrohung für das weltweite Herrschaft des Kapitals wahrgenommen. Die alten herrschenden Klassen und ihr Selbstverständnis setzten auf das ganze Arsenal der staatlicher und unternehmerischer Gewalt. „Das System mobilisierte all seine Waffen, um sie zu bekämpfen: die Zeitungen, die Gerichte, die Polizei, die Armee, Mob-Gewalt.“ (Zinn, 323) Die bekanntesten Märtyrer als Opfer der Gewalt der Kapitalisten und ihrer Trägerschichten waren Joe Hill und Frank Little. Joe Hill wurde nach falscher Anklage hingerichtet und Frank Little von einer Bürgerwehr gefoltert und aufgehängt. Sie waren aber nur die bekanntesten Opfer des Klassenkrieges in den USA in diesen Jahren.

Zusammenstöße mit Massakern an kämpfenden Arbeiter*innen gab es auch in anderen Kontinenten, z.B.in Russland. Während in Deutschland eine scharfe Gesetzgebung und eine perfekte Kontrolle durch die sozialdemokratische Gewerkschaftsbürokratie solche Zusammenstöße weitgehend vermeiden konnte. Die bekanntesten Massaker an kämpfenden Arbeiter*innen dürften der Blutsonntag 1905 in Petersburg und das Lena-Goldfeld-Massaker in Sibirien 1912 sein, das in Russland einen landesweiten Streikzyklus auslöste, der bis 1914 anhielt, wegen des Kriegs unterbrochen war, und sich dann im Jahr 1917 zur Februarrevolution ausweitete und das zaristische Regime hinwegfegte. Um den aus der russischen Revolution überspringenden Funken in den USA zu ersticken und schon vorbeugend die Gegenrevolution zu eröffnen, organisierte die herrschende Klasse in den USA kurz vor der Oktoberrevolution 1917 eine Repressionswelle, die darauf zielte, den IWW das Haupt abzuschlagen.

Niedergang

Am 6. April 1917 hatten die USA den Mittelmächten Deutschland und Österreich den Krieg erklärt, wofür nur kaum irgendeine echte Zustimmung in der Bevölkerung zu gewinnen war. Der Krieg war die Gelegenheit, mit dem Gegner im Inneren abzurechnen. Im Juni wurde ein Spionagegesetz erlassen, dass praktisch jeden Widerstand im Inneren „vorsätzlichen Ungehorsam, Illoyalität, Meuterei oder Verweigerung des Dienstes in Heer und Marine unter Strafe stellte. Klarerweise zielte das Gesetz darauf, jeden Widerstand gegen den Krieg auszuschalten, und damit auch die Streiks zu kriminalisieren. (Zinn, 355) Es entwickelte sich 1917 eine gesamtstaatliche Repressionswelle, die hier auch nicht annähernd skizziert werden kann, weil sie sich auch gegen prominente Sozialisten wie Eugene Debs und viele viele andere richtete, die erstmal in den Knästen verschwanden. Jede Klassenkampfpropaganda konnte jetzt Gefängnis bedeuten. In 24 US-Staaten wurden extra Anti-Syndikalismus-Gesetze erlassen., die schon die Mitgliedschaft bei den IWW zu einem kriminellen Delikt erklärten. Bürgerwehren wurden gegründet und Millionen Fälle von „Illoyalität“ gemeldet. Zinn schreibt: „Der Krieg gab der Regierung die Gelegenheit, die IWW zu zerstören.“( Zinn, 362) „Anfang September 1917 gab es landesweit Razzien in 48 Versammlungsräumen der Wobblies durch, „Agenten des Justizministerium beschlagnahmten Briefe und Schriften, die als Beweismittel von Gericht dienen sollten.“ 165 Mitglieder der IWW wurden verhaftet wegen Behinderung der Einberufung, Aufruf zur Desertion, und Beteiligung an Arbeitskonflikten. Es fand ein Großprozess gegen 101 Wobblies statt, der sich über Monate hinzog. Haywood und andere wurden zu 14 bis 20 Jahren Knast verurteilt. Damit waren die IWW als Organisation zunächst zertrümmert. Nun war die Zeit der Solidarität mit den Gefangenen angebrochen, die viele Wobblies jahrelang beschäftigte und sehr viel Energie und Durchhaltevermögen verlangte. Trotz allem fand jedoch schon Februar 1919 der nächste Großstreik statt, ein Generalstreik nach IWW-Ideen in Seattle von 100.000 Arbeiter*innen, der die Stadt für 5 Tage völlig zum Stillstand brachte.

Ein Hauptproblem waren nach dem Ersten Weltkrieg die inneren Spaltungen der Organisation. Einige ausgewanderte bzw. deportierte Mitlgieder sollen von der Sowjetunion aus versucht haben, die IWW unter Moskauer Kontrolle im Rahmen der Roten Gewerkschaftsinternationale zu bekommen. Eine solche Mitgliedschaft wurde per Abstimmung abgelehnt. Nach 1924 führten die IWW eher eine Schattenexistenz, obwohl die Hauptideen in den dreißiger Jahren im Rahmen einer neuen Gewerkschaftsorganisation, dem CIO (Congress of Industrial Organizations), wieder auflebten.
Später ging eine neue IWW nach 1968 daran, eine nicht korrumpierte neue Basisgewerkschaft aufzubauen.

Unsere Aufgaben heute

Was bleibt? Der weltweite Klassenantagonismus wird heute wird in seiner Dynamik nicht mehr von der Zentralität einer industriellen Arbeiterklasse bestimmt. Heute gilt es heute wie damals den Widerstand gegen die globale Kapitalherrschaft und seine umfängliche Kontrolle auf der Grundlage des Zusammenkommens ganz unterschiedlicher Kampfkulturen zu organisieren. Damals wie heute schaffen die Menschen durch Migration selbst die Verbindungen und neuen Zusammensetzungen, von denen die Kämpfe ausgehen bzw. ausgehen werden. Das alte Herrschaftsmodell, der Akkumulationstypus des Kapitals der industriellen Autoära in den Metropolen ist schon seit langem obsolet und durch Informatisierung mit dem Ziel der globalen Kontrolle ersetzt worden. Aktuell versucht das Kapital mittels der Digitalisierung neue Ausbeutungs- und Zerstörungsmodelle auf allen Stufen von Produktion und Gesellschaft weltumfassend herzustellen. Wie nehmen wir teil an ganz neuen Kämpfen in all ihren kleinen und großen Facetten, über Geschlechtergrenzen und Hautfarben hinweg, und vor allem vor dem Hintergrund hochgeputschter Kulturunterschiede? Wir wissen, dass die neuen Technologien Angriffsinstrumente gegen uns alle unabhängig von der Herkunftskultur sind. Die Finanzmärkte fragen weniger denn je, wo der lokale Bankstandort ist.

Neue digitale Kontrolle wie auch Naturzerstörung und vieles mehr haben neue Ausbeutungsmodelle in einer sozialen Stufenleiter rund um den Erdball geschaffen. Sie sind auf der Ebene von Lohnarbeit am deutlichsten, werden aber in aller gesellschaftlichen Erfassungsebenen zur Steuerung des Kapitals für seine herrschaftlichen Zwecke eingesetzt. Damals wie heute gilt es, die Einsicht zu vertiefen wie der Gesamtkapitalismus von ganz verschiedenen Ausgangspunkten der Weltklasse, von den ärmeren und Ausgeschlossenen dieser Welt, in Frage gestellt wird und wie radikale Organisationen zur Entfaltung neuer Kämpfe beitragen.

Kampferfahrungen nachlesen

Kolleginnen und Kollegen aus der IWW und nahestehenden Organisationen berichten von ihren Erfolgen und Niederlagen der täglichen Betriebsarbeit und verwandter Themen wie Erwerbslosigkeit, Auseinandersetzungen mit VermieterInnen und mehr.

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Was ist Organizing?

Die systematische Organisierung mit den eigenen KollegInnen zusammen nennen wir „Organizing“. Dabei lässt sich genauer genommen von Methoden der Selbstorganisierung sprechen. Was sich genau dahinter verbirgt, erfahrt ihr hier.

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