Eurest – Kantine der Commerzbank Frankfurt a.M.

Übersicht

Unternehmen: Eurest – Catering Betreiber der Commerzbank

Ort: Frankfurt am Main

Besonderes: Erste wahrnehmbare Organisierung nach Wiedergründung der IWW im deutschsprachigen Raum 2004.

Jahre: 2006 – 2012

Branche:

Commerzbank, Gastronomie & Einzelhandel, Systemgastronomie

Weiterführende Infos:
„Die Unsichtbaren fordern Rechte“ – Artikel auf Labournet.de
„Nur wenige trauen sich vor“ – Artikel in Neues Deutschland

Erfahrungsbericht

Interview mit Harald Stubbe.
Über die Organisierung bei Eurest.

Mark: Kannst du einmal kurz erzählen was „Eurest“ ist?

Harald: Eurest ist ein Catering-Unternehmen, das gegründet 1974 von Nestle wurde, es wurde 1991 an die ACCOR-Gruppe verkauft, wurde dann wieder verkauft an die Compass-Group, eine englische Aktiengesellschaft. Die Compass-Group PLC ist der weltweit größte Caterer den es überhaupt gibt. Die Compass-Group kocht überall, unter verschiedenen Namen: Eurest, Medirest und noch einige andere. Sie kochen in Stadien, bei Firmen wie Opel in Rüsselsheim, in Banken und Versicherungen. Die kochen praktisch überall. Der Aktienkurs der Compass-Group steigt seit vielen Jahren kontinuierlich. Die machen Riesenprofite, da geht es um Milliarden. Die haben 1995 Eurest gekauft und seit dem haben sie auch eigene Firmen umfirmiert in Eurest. Da gibt es dann Eurest-Algerien.

Mark: Während du dort gearbeitet hast, gehörten sie schon zu Compass?

Harald: Das war gerade die Zeit, als Compass die gekauft haben und Eurest war früher, also das Catering, ist für die Beschäftigten ja nie eine besonders schöne Welt, aber Eurest war doch für die Beschäftigten doch ein bisschen besser als der Rest der sich hier auf dem Markt getummelt hat. Das war dann auch ihre Eigenwerbung. Die haben gesagt: wir sind der bevorzugte Arbeitgeber in Deutschland. Es gab bei Eurest nicht sehr viele Betriebsräte. Die hatten 800 Betriebe, mit gerade mal 10- 15 Betriebsräte. Von den 2 oder 3 hier in Frankfurt habe ich überhaupt nichts mitgekriegt. Die habe ich erstmal eingeladen, dann habe ich gesagt: So, die paar Betriebsräte die es gibt: Jetzt treffen wir uns doch mal und gucken, ob wir uns irgendwie vernetzen und koordinieren können. Das war, als hätten wir in ein Wespennest gestochen. Ich wurde dann vorgeladen vom Gesamtbetriebsrat, die so getan haben, als wären sie die Vorgesetzten von jedem einzelnen Betriebsrat. Was überhaupt nicht so ist, die haben überhaupt nichts zu melden. Der NGG-Sprecher war mit dabei. Die haben alle Register gezogen, von Bedrohungen, zu Erpressungen und ähnliches. Ich sollte doch davon Abstand nehmen (lacht). Ich dürfte das nicht, und wie kann man überhaupt. Sie haben dann lieber selbst eingeladen. Es gab dann das erste Mal ein Treffen, wo dann auch wirklich Leute hingegangen sind. Nachdem der Druck immer schlimmer wurde auf die Leute, wurden auch immer mehr Betriebsräte gewählt. Es war also Potenzial da: Die Leute waren unzufrieden, sie haben Betriebsräte gewählt, aber die haben nichts gemacht, weil sie einfach die Ausbildung gar nicht hatten. Die Betriebsräte sind , in der Regel, nicht auf Schulungen gegangen. Sie haben sich auch nicht getraut was zu machen und die NGG hat immer gesagt, wir regeln das für euch. Sie sagten: Wir machen die Tarifverträge. Bei mir im Betrieb war es anders. Ich habe gesagt: „Wir machen jetzt hier Mitbestimmung, wir haben hier Rechte. Jetzt machen wir das.“

„Bei mir im Betrieb war es anders. Ich habe gesagt: „Wir machen jetzt hier Mitbestimmung, wir haben hier Rechte. Jetzt machen wir das.“

 
Mein erstes Ziel war, dass die Leute mehr Geld verdienen, zweites Ziel war es, dass es keine Überstunden mehr gibt. Das habe ich ziemlich schnell umgesetzt (lacht) und dann war der Spaß vorbei. Eurest hat dann mit allen Mitteln versucht das zu kippen. Die Leute wurden aufgefordert Unterschriften zu sammeln, dass ich zurücktrete vom Betriebsratsamt.

Mark: Du warst bei Eurest angestellt und ihr habt dann aber für die Commerzbank gekocht?

Harald: Genau. Eurest ist ja ein Caterer. Die kochen in Banken, Versicherungen, und so.

Mark: Warst du dann für mehrere Betriebe als Betriebsrat zuständig?

Harald: Nein, nur für einen. Das System ist, dass jeder Betriebsrat einen eigenen Betriebsrat hat. Das hat Vorteile, aber auch Nachteile. Man könnte sagen: das ist alles eins, es gibt einen Betriebsrat. Das hätte aber den Nachteil, dass man dann zu weit getrennt wäre. Du kannst nicht 150 Betriebe in Frankfurt betreuen. Ein weiterer Nachteil ist natürlich auch, dass man in den Betrieben dann Leute hat, die nicht die Ausbildung dafür haben. So ein Betriebsrat hat viel mit Juristerei zu tun. Ich habe das halt gemacht. Ich war vorher schon Betriebsratsvorsitzender bei „aramark“, welche Mitbewerber von Eurest sind. Ich war eigentlich schon durch „aramark“ recht gut geschult, den Rest habe ich dann bei Eurest nachgeholt (lacht) oder wiederholt. Da gab es von Anfang an einen Kampf um Kleinigkeiten. Die haben sich um überhaupt kein Gesetz gekümmert. Sie haben es nicht eingesehen. Irgendwann so nach einem Jahr, haben sie dann die erste Personalchefin verschlissen, weil sie nicht mit mir klarkam und alle anderen haben nur noch geheult, wenn sie meinen Namen gehört haben. Weil ich halt immer geklagt habe. Das Klagen entfernt dich aber von der Belegschaft. Ich habe versucht die Belegschaft immer mit einzubinden. Ich habe Aktionen gemacht, dass alle mal zum Betriebsrat gehen, während der Mittagszeit. Essen hatten sie gekocht, dann sind sie alle zum Betriebsrat, um sich zu beschweren und der Betriebsleiter saß alleine in der Kantine und hat den Leuten das Essen gegeben (lacht), was er dann aber alleine natürlich nicht geschafft hat. Es gab dann riesige Schlangen und kassieren konnte man auch nicht. Unterm Strich hat die ganze Bankbelegschaft umsonst gegessen (lacht).

Mark: Wann bist du dann zur IWW gekommen?

Harald: Ich war ja in der NGG, wurde dann in den Vorstand der NGG gewählt. Es gibt einen ehrenamtlichen Vorstand und einen bezahlten Vorstand. Ich war dann im Vorstand und habe auf der Deligiertertenkonferenz für den Hauptvorstand in Hamburg kandidiert. Weil die Leute hätten mich ja gewählt, oder nicht. Es wurde dann auch sehr knapp. Als Delegierter wurde ich gewählt, für den Hauptvorstand nur ganz knapp nicht. Dieser hat mich für die Tarifkommission benannt. Ich habe dann interessanterweise vom Lutz eine Einladung bekommen, im SIKS damals, da kam ein Kollege aus England und hat die Wobblies vorgestellt (lacht). Und ich dachte mir: Naja, wieder irgend so eine linke Spinnerei, aber das war tatsächlich ein Malocher. Der hat die Sprache gesprochen, die man versteht. Das war mir sympathisch und dann bin ich Mitglied geworden und dachte mir: Das kann man mal unterstützen. Das muss man nicht so ernst nehmen, da zahlt man halt mal 3 Euro und gehst ab und zu mal hin.

„Und ich dachte mir: Naja, wieder irgend so eine linke Spinnerei, aber das war tatsächlich ein Malocher. Der hat die Sprache gesprochen, die man versteht.“

 
Mark: Wann war das? 2006?

Harald: 2005, 2006, so in dem Dreh.

J: Ich glaube 2006 haben sie die erst gegründet hier.

Harald: Ich muss mal in meinem Mitgliedsbuch nachschauen, wann ich Mitglied geworden bin. Als diese Tarifkommissionsgeschichte war, habe ich gesagt: Nein, jetzt trete ich aus der NGG aus. Ich hatte immer meine Probleme mit denen, aber es gab ja keine Alternative. Ich trete da jetzt aus und bei den Wobblies bin ich vorher schon Mitglied gewesen und habe den Leuten im Betrieb gesagt, wie es ist mit der NGG. Ich hatte alle in die NGG geworben, die waren da zu 100% Mitglied und die sind dann alle ausgetreten und alle bei den Wobblies Mitglied geworden. Damals hatten wir den ganzen Betrieb organisiert.

Mark: Das heißt, alle Leute waren erstmal NGG-Mitglied und sind dann bei den Wobblies eingetreten? Wie viele Leute waren das?

Harald: Ja genau. Damals waren wir noch 15 Leute in dem Betrieb.

Mark: Aber 15 Leute im Betriebsrat?

Harald: Nein, die Leute, die da gearbeitet haben. Die sind dann geschlossen aus der NGG ausgetreten und bei den Wobblies eingetreten. Es gab da ein riesiges Theater. Zumal auch aus anderen Eurest- Betrieben noch einige Leute bei den Wobblies eingetreten sind bei. Es gibt immer einmal im Jahr eine Betriebsratskonferenz und da ich dort oft gesprochen habe, gab es einige, die fanden das gut und sind dann auch Mitglied geworden. Die erste Aktion, die wir als Wobblies bei Eurest gemacht haben, war so eine Solidaritätsaktion, weil sie in Köln eine Kollegin so schikaniert haben, eine Betriebsrätin, dass wir damals in der Mittagspause mit Transparenten vor dem Betrieb standen. Da gibt es auch noch ein Foto auf der Homepage. Die nächste Aktion, die wir dann gemacht haben bei Eurest, war dass wir vor der Commerzbank in Frankfurt vor der Hauptverwaltung an der Hauptwache eine Demo zusammen mit Leuten gemacht haben, von der Occupy- Bewegung damals. Die haben uns unterstützt. Das hat die sehr nervös gemacht. Dieser Riesengigant Eurest wurde auf einmal nervös. Das konnten sie nicht nachvollziehen, was da auf einmal los ist. Für die Leute hier war es ein Aha-Erlebnis, als dann auf einmal Aktionen in Paris, London und New York City gemacht wurden. Wo dann Leute vor Commerzbank Filialen standen, weil wir immer gesagt haben: Wir greifen nicht Eurest an, wir greifen den Kunden, die Commerzbank, an.

„Für die Leute hier war es ein Aha-Erlebnis, als dann auf einmal Aktionen in Paris, London und New York City gemacht wurden. Wo dann Leute vor Commerzbank Filialen standen, weil wir immer gesagt haben: Wir greifen nicht Eurest an, wir greifen den Kunden, die Commerzbank, an.“

 

Die sind verantwortlich für das, was in ihren Küchen passiert. Da haben die Leute gemerkt, dass ist ja wirklich etwas Internationales, da tut sich was. Die Commerzbank ist völlig angepisst gewesen, die haben sofort mit Abmahnungen und Klage gedroht und Riesenkosten. 50.000 Euro wollten sie damals haben.

Mark: Gegen Eurest dann?

Harald: Nein, gegen uns, die Wobblies (lacht). Deren Anwalt hat dann Briefe geschrieben, dass sie 50.000 Euro haben wollen und Unterlassungserklärungen und all so ein Scheiß (lacht). Was dann auch bei manchen von uns zu Ängsten geführt hat, 50.000 Euro ist ja auch viel Geld. Wir hatten damals einen Kassenbestand, Deutschlandweit von vielleicht 200 Euro (lacht). Auf jeden Fall hat Elmar einen Kollegen gehabt, der Anwalt für Arbeitsrecht ist, in Köln. Der hat dann für kleines Geld uns vertreten und hat das dann abgebügelt. Dann war das aus der Welt. Es hat sie sehr nervös gemacht, weil Leute auch in den Filialen der Commerzbank Flugblätter ausgelegt haben. Die Commerzbank hatte eh ein Imageproblem und der Aktienkurs ist total zusammen gebrochen und hat sich auch nicht mehr erholt.

Mark: Du meinst wegen der Aktionen?

Harald: Nein, nicht wegen der Aktionen. Das war zum Zeitpunkt der „Finanzkrise“. Da gehörte die Commerzbank zu den notleidenden Banken. Da konnten sie alles gebrauchen, nur nicht irgendwelche Gewerkschafter, die in ihren Filialen Flugblätter hinkleben. Das Image war eh schlecht genug, auf einmal waren sie ein „Volkseigener Betrieb“ (lacht). Die Aktie ist total heruntergebrochen, von ein paar Hundert Euro auf mittlerweile 1,00 Euro. Die hat sich auch nicht mehr erholt, die dümpelt jetzt so bei 1,50 €. Oder noch weniger, 1,10€. Das hat uns natürlich ein bisschen geholfen, weil die Commerzbank klar zu Eurest gesagt hat: „Was ist da los bei euch?“ Ihr schädigt unser Geschäft. Das hat auch geholfen, dass der Betriebsrat der Commerzbank – sie haben mich dann ja gekündigt – zum ersten Mal auf unserer Seite stand und gesagt hat, wir können uns eine weitere Zusammarbeit mit Eurest nicht vorstellen, wenn ihr so mit den Leuten umgeht.


Mark: Du warst die ganze Zeit, auch währenddessen, noch Betriebsrat? Warst du Freigestellt oder hast du gearbeitet?

Harald: Ja. Noch bis 2012. Ich habe immer gearbeitet. Ich habe mich selbst nach Bedarf freigestellt und habe aber gearbeitet. Ich habe ja die Verwaltung für Eurest in dieser Bank gemacht.

Mark: Kannst du mal sagen was eure Erfolge waren?

Harald: Der Haupterfolg war erstmal: Die Beschäftigten waren alle in Lohnstufe 1 eingruppiert, der niedrigsten Lohnstufe. Am Ende waren sie dann alle in Lohnstufe 4 oder 5 eingruppiert. Das war ein finanzieller Erfolg, weil Lohnstufe 1 für viele Hartz IV Niveau ist oder darunter, einige haben auch aufgestockt. Die andere große Geschichte war: In der Gastronomie werden Arbeitszeiten nicht eingehalten, weil es immer zu wenig Personal gibt und zu viel Arbeit und wir haben einfach keine Überstunden mehr gemacht. Wir sind konsequent pünktlich nach Hause gegangen. Das war egal ob da Lebensmittel lagen für 1.000 Euro, dann sind die halt vergammelt oder der Chef hat sie weggeräumt. Wir sind heimgegangen (lacht). Das hat lange gedauert, da die Leute auch Angst hatten was zu machen. Unterstützt hat dabei sicher, dass ich immer wieder geklagt habe vor dem Arbeitsgericht gegen Überstunden und gewonnen habe. Der Richter hat gesagt, ihr müsst keine Überstunden machen. Fertig. Das dritte große Ding war dann irgendwann als ich gesagt habe: das Umziehen ist Arbeitszeit bei Eurest. Als Beispiel ein Schlosser, der kann zu Hause seinen Blaumann anziehen, wenn er will und kann damit in der U-Bahn zur Arbeit fahren und danach mit seinem Blaumann in die Kneipe gehen, zum Beispiel. Die Leute in den Küchen und den Krankenhäusern können das nicht, da sie sich aus Hygienegründen vor Ort umziehen müssen. Im Krankenhaus hatte da schon einmal jemand geklagt und das Bundesarbeitsgericht hat gesagt, dies sei Arbeitszeit. Dann habe ich gedacht, wenn es im Krankenhaus so ist, dann in der Küche auch. Da habe ich gesagt: „Das ist Arbeitszeit.“ Da gab es ein Riesentheater bei Eurest, denn das hätte viel Geld gekostet, wenn man bundesweit auf einmal gesagt hätte, das ist Arbeitszeit und haben geklagt. Sie haben einen „Dr. Dr. Spezialanwalt“ dazu geholt. Das hat alles nichts genutzt, das Gericht hat zu erkennen gegeben, dass sie in der nächsten Instanz zu unseren Gunsten urteilen würden . Daraufhin hatten wir einen Kompromiss gefunden. Die haben gesagt, ok, ihr, in dieser Filiale könnt machen was ihr wollt (lacht). Das heißt die Leute konnten morgens, wenn Arbeitsbeginn 6.30 Uhr war, sind die um 6.30 Uhr da eingelaufen und standen nicht ab halb sieben, wie es eigentlich verlangt war, in der Küche. Das waren die Haupterfolge von denen die Leute direkt profitieren konnten. Das hat auch den Namen publik gemacht.

„Auf einmal hieß es: „Diese kleine Gewerkschaft, von der nie einer was gehört hat, die erreichen da Sachen. Bei uns kam das Gesundheitsamt und hat wegen Hygienemängel geklagt. Da stand der Bezirksleiter (lacht) in der Küche und hat die Küche geputzt.“

 
Auf einmal hieß es: „Diese kleine Gewerkschaft, von der nie einer was gehört hat, die erreichen da Sachen. Bei uns kam das Gesundheitsamt und hat wegen Hygienemängel geklagt. Da stand der Bezirksleiter (lacht) in der Küche und hat die Küche geputzt. Wir haben gesagt: Tschüss und sind nach Hause gegangen. Wir haben es einfach nicht gemacht. Das hat auch das Selbstbewusstsein der Leute gestärkt. Früher war es eben immer so, dass der Chef der Halbgott war, der einem das Leben schwer machen konnte und auf einmal haben wir uns drüber weg gesetzt und haben gesagt „Nein, machen wir nicht“.

Mark: Ok, aber hattet ihr da ein aktives Komitee? So wie du das gerade erzählt hast, klingt das so, als wenn es eigentlich vor allem über dich als Betriebsrat lief und dann habt ihr eben geklagt.

Harald: Ja, das war der Nachteil. Die Menschen die dort arbeiten sind es ja gewohnt gewesen, Befehle auszuführen und immer Angst zu haben, dass etwas an Konsequenzen kommt. Es hat ziemlich lange gedauert bis sie soweit waren, sich zu widersetzen. Diese typische Komitee-Arbeit, haben wir nicht gemacht. Wir haben uns regelmäßig getroffen, einmal im Monat, außerhalb der Firma. Damals sind noch alle hin, da wir in die Kneipe nebenan nach Feierabend marschiert sind. Da haben wir dann überlegt was wir anders machen können, was man ändern kann. Aber so direkte Aktionen der Belegschaft hat es nie gegeben. Es war dann immer der Betriebsrat und Juristerei. Was es an Aktionen gab, war zu sagen: Wir gehen alle gemeinsam zum Betriebsrat und machen da was.

„Wir haben einen Lächel-Streik gemacht. Eurest hat irgendwann die Devise ausgegeben; die Leute mussten haptische Gesten auswendig lernen (lacht), damit sie sich unbemerkt vom Gast, verständigen können.“

 
Was es an gemeinsamen Aktionen gab, war: Wir haben einen Lächel-Streik gemacht. Eurest hat irgendwann die Devise ausgegeben; die Leute mussten haptische Gesten auswendig lernen (lacht), damit sie sich unbemerkt vom Gast, verständigen können. Sie sollten so eine Bedienung nach Vorschrift machen. Jeder sollte mit bestimmten Worten empfangen werden, jeder sollte was empfohlen bekommen. Was in der Praxis überhaupt nicht durchführbar war, weil die Leute schnell ihr Essen haben wollen. Dann solltest du immer dabei lächeln und wenn einer vergessen hat zu lächeln, dann gab es die haptische Geste. Man musste ein Zeichen geben: „Los, lächle!“ und „Du musst mit dem Kunden sprechen!“ Dann haben wir Flugblätter ausgehängt, für die Bankangestellten: „Wir haben nichts mehr zu lachen und tun es auch nicht mehr. Deshalb treten wir jetzt in den Lächel-Streik. Das hat nichts mit euch als Kunden zu tun, es liegt einfach an den beschissenen Arbeitsbedingungen. Vor allem um das Essen. Die Leute können sich das Essen nicht mehr leisten“. Diese Gesten waren für Eurest sehr wichtig. Die sind, wie in der restlichen Systemgastronomie, wie bei McDonalds genormt, da muss alles so sein, wie sich das irgendwer vorstellt. Das war für die ganz schlimm. Nicht nur, dass wir nicht gelächelt haben, sondern dass wir auch die Flugblätter aufgehängt haben (lacht).

Mark: Hast du jetzt irgend etwas, wo du sagen würdest: Da wart ihr nur deshalb erfolgreich, weil es die IWW gab? Was ist das besondere gewesen?

Harald: Mit der NGG hätte das alles nicht funktionieren können. Die NGG wollte ja immer, dass Ruhe im Laden ist, dass es einen Tarifvertrag gibt, mit 2% Lohnerhöhung auf zwei Jahre. Was dann eigentlich nur noch 1% Lohnerhöhung ist. Die NGG ist ja so strukturiert, dass der Vorstand bestimmt was gemacht wird und nicht die Leute vor Ort. Mit den Wobblies hatten wir ziemlich freie Hand. Wir konnten ja so Sachen machen, wie diesen Lächelstreik, ohne Rücksprache mit irgendeinem Vorstand halten zu müssen. Für die Leute bei Eurest war es gut, weil sie gemerkt haben, sie sind nicht alleine. Da tauchen wildfremde Menschen auf und gehen für sie auf die Straße, vor die Banken in New York und London (lacht) und verteilen dort Flugblätter. Das hat schon irgendwie was bewirkt bei den Leuten, dass sie gesehen haben, sie sind nicht so alleine. Diese Aktionen in Köln bei Ford, das wurde ja publiziert, dann haben die das mitbekommen. Ein Problem war, dass es alles so ziemlich unpolitische Menschen sind, die wollen eigentlich ihren Job machen und ihre Ruhe haben. Sie kapieren auch oft nicht, dass das System eigentlich das Problem ist. Sie sagen häufig „Wir haben da so einen blöden Betriebsleiter“. Der ist eigentlich auch ein armes Schwein. Naja, die müssten sich nicht immer so beschissen verhalten, unterm Strich sind es ja auch nur Angestellte, die auch nicht sehr viel verdienen bei Eurest. Das System macht die Leute so fertig. Dieses „Immer mehr Profit rausholen, mit aller Gewalt.“ Die Leute sehen das aber als ihren Erfolg an. Gestern hat mich ein Kollege von Eurest-EIBC angerufen, das ist das Hochhaus da vorn an der Messe. Er sagte, naja die Betriebsratskonferenz, die reden immer noch von unseren Aktionen. Denn mit der NGG passiert einfach nichts. Seit Jahren machen die eigentlich gar nichts. Die machen immer einen neuen Tarifvertrag, der immer schlechtere Bedingungen für die Leute schafft. Sie schaffen es nicht mal, so einen Status-Quo zu erhalten, sondern es wird tatsächlich immer schlechter.

Mark: Habt ihr auch selber Artikel zu der Zeit geschrieben? Ich glaube der Stuhlfauth hat mal was geschrieben.

Harald: Ja, es gibt ja so einige Sachen auf der (alten) Webseite. Wenn du googelst: „Harald Stubbe, Betriebsrat“, oder so. Da gibt es ganz viele Sachen. Auch bei der Jungle World. Ich glaube der Lutz hat mal was geschrieben. Auch andere Gruppierungen haben berichtet. Das war mit einer der großen Erfolge. Eurest kannte bis dahin kein Mensch in Deutschland. Eurest kannten nur die Menschen die dort gegessen haben, oder die dort gearbeitet haben. Die machen ja bis heute keine Werbung oder irgendwas. Eurest ist halt einfach da. Wenn man was von Eurest hört, dann ist es von ihrer Webseite, wo sie sich selbst positiv darstellen. Auf einmal gab es im Internet Kritik an Eurest (lacht). Auch international habe ich da mal recherchiert. Ich kann leider kein Französisch, aber es gibt da einen Kollegen der hat dann in Algerien bei Eurest einen Konflikt gehabt. Das hat mir dann ein Kollege der Französisch kann, übersetzt. Die Übersetzung habe ich dann verteilt, da haben die Leute dann gemerkt, dass es kein reines deutsches Problem ist, sondern auch in anderen Ländern. Auf Facebook gibt es so Gruppen auch in anderen Ländern, die sich über Eurest ärgern (lacht. Au einmal war Eurest bekannt, als etwas negatives. Das hat sie sehr getroffen.

Mark: Das lief dann von 2006 bis wann?

Harald: Bis 2012. 2012 wurde der Betrieb von der Commerzbank geschlossen. Das war nur ein angemietetes Gebäude, es hat der Bank also nicht gehört. Nachdem sie die Dresdner Bank übernommen haben, hatten sie auf einmal ganz viele Sachen doppelt und haben selbst viel Personal abgebaut. Sie sind dann nach und nach aus den angemieteten Objekten raus und sind in eigene Häuser. Irgendwann hatten sie wieder Platz und haben dann Stück für Stück alle angemieteten Gebäude verkauft. In der Commerzbank haben wir, manchmal auch ich alleine, noch weiter Flugblätter verteilt, weil Eurest irgendwelche Schweinereien gemacht hat. Ich habe den Betriebsrat von der Commerzbank immer mit ins Boot geholt und informiert. Mit dem Erfolg, dass seit Januar 2014, glaube ich, Eurest bei der Commerzbank komplett rausgeflogen ist. Jetzt ist der Klüh-Caterer da drin. Ich meine, da tut sich nicht viel. Die Leute sagen, es wäre nicht ganz so schlimm wie Eurest. Unterm Strich machen sie denselben Mist. Sie haben auch eine Kollegin, auf eine linke Tour rausbekommen. Wir treffen uns ja unregelmäßig, einmal im Monat. Wenn man so die Leute fragt, dann sagen sie schon, dass es nicht ganz so schlimm ist. Bei Eurest war es wirklich nur noch Druck zum Schluss. Diese Compass-Group presst raus, was sie rauspressen kann. Ein sehr merkwürdiger Verein (lacht). In Spanien zum Beispiel haben sie den Köchen die Arbeitskleidung gereinigt. Aber nicht den Köchinnen. Frauen könnten ja selbst waschen; und lauter so Dinge (lacht). Sie machen aber immer eine Mordswerbung „Der Mitarbeiter steht im Mittelpunkt; Kein Rassismus“ und so weiter. Aber in den Betrieben ist es eben nur Scheiße bei denen.

Das Interview führte Mark Richter.

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